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Über meine Freiheit

  • Autorenbild: Lynn Blattmann
    Lynn Blattmann
  • 6. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit
Manche vermuten sie über den Wolken, oder sie glauben, Vögel seien besonders frei...
Manche vermuten sie über den Wolken, oder sie glauben, Vögel seien besonders frei...

Freiheit war mir immer wichtig. Schon als Kind wollte ich frei entscheiden, dass man dafür auch die Konsequenzen tragen musste, schien mir OK, wenn auch nicht immer angenehm. Freiheit war, wenn mir niemand rein redete, wenn ich tun und lassen konnte wie ich wollte. Und wenn ich von niemandem abhängig war, besonders finanziell nicht. So war es nur folgerichtig, dass ich so rasch wie möglich von zuhause auszog und mich ins Abenteuer Erwachsenenleben stürzte.

Danach war ich zwar nicht immer wirklich frei, aber ich hatte doch sehr das Gefühl, dass ich immer wieder frei entscheiden konnte, was ich wollte und was lieber nicht. Natürlich gab es Sachzwänge und anderes, das meinen Freiheitsdrang immer wieder bremste, aber es ging mir gegen den Strich, Zwänge auf die Dauer über meine Bedürfnisse zu stellen und so konnte ich sie immer wieder umgehen.

Freiheit hiess auch Dinge zu tun, die nicht in die klassische Frauenrolle passten. Sich zum Beispiel eine kleine Yacht kaufen und damit allein oder mit anderen Frauen auf dem Bodensee zu segeln.

Freiheit hatte für mich also lange etwas leicht Verwegenes. Freiheit bekam man nicht geschenkt, die musste man sich nehmen.

Mit dem Alter schwächte sich dieser Aspekt ab. Die Segelyacht wurde verkauft, weil der Rücken aufmuckte, statt über den Atlantik zu segeln wie früher wurde ein Haus gebaut und ich nahm mir die "Freiheit" ein grosses Auto zu fahren.

Dann kam die Wende: Freiheit bedeutete immer öfters Ballast abzuwerfen, etwas nicht mehr zu tun oder anders zu organisieren. Mandate wurden abgegeben, die berufliche Position aufgegeben. Die Freiheit drohte zur Leere zu werden, zur Langeweile. Die Freiheit wurde zur Freizeit.


Freiheit im Alter

Mit dem Alter kamen neue Freiheiten, die wurden mir quasi geschenkt. Mit dem Wegfall der Berufsarbeit bekam ich wieder Zeitautonomie in einem Ausmass wie als Kind. Ich begann Neues zu entdecken, das Arbeiten mit Ton und kürzlich auch das Zeichnen, auch dies Dinge, die ich als Kind oder Jugendliche zum letzten mal getan hatte. Solange ich körperlich und geistig einigermassen gesund bin, kann ich die Freiheit im Alter also geniessen und nach Gutdünken gestalten, und ich kann mir sogar Freiheiten leisten, die finanziell früher nicht drin gelegen wären.

Ich finde sogar, ich war noch nie so frei in meinem Leben wie heute, ich muss viel weniger und kann immer noch viel wählen und tun. Aber meine Freiheit war noch nie so gefährdet wie jetzt. Und zwar durch Krankheit und Tod.

Was wird aus meiner Freiheit wenn ich abhängig werde? Wenn ich Hilfe brauche, meine Autonomie verliere? Empfinde ich das dann als ultimativen Freiheitsverlust, oder begrenzt das einfach meinen Raum für Freiheiten viel enger?

Seltsamerweise bedrückt mich die Vorstellung, selbst irgendwann nicht mehr ohne Hilfe leben zu können weniger als viele Menschen um mich herum. Es würde mich zwar sehr schmerzen, wenn ich mein geliebtes Haus aufgeben müsste, aber ich glaube, dass es ein gutes Leben auch an einem zugänglicheren Ort geben kann und dass es einfach mehr Möglichkeiten geben muss als nur autonom zuhause oder völlig fremdbestimmt im Pflegeheim.

Das Alter verändert sich gerade sehr. Die Jeansträger sind im Rentenalter einige schon hochbetagt, die meisten halten noch am Jugendkult fest und setzen auf Longevity. Es wird zwar viel über körperliche Fitness und Gesundheit geredet und geschrieben, aber wenig über den inneren Prozess des Älterwerdens.

Egal, ob ich noch 70 Liegestützen mit 80 hinbekomme oder nicht, es würde auch helfen, den Freiheitsmuskel zu trainieren, nicht nur den Bizeps. Freiheit bedeutet auch, Möglichkeiten zu sehen und Entscheide zu treffen, dies erscheint mir im Alter besonders wichtig, weil Sachzwänge scheinbar wachsen.

Ich bewundere immer wieder Bekannte dafür, wenn sie im Alter plötzlich flexibel werden und in eine kleinere praktischere Wohnung umziehen, den Autoschlüssel von ihrem Selbstwertgefühl entkoppeln und dafür mehr uber bestellen, oder wenn Frauen ihre Küche öfter mal schliessen und dafür mit Freundinnen ins Restaurant gehen.

Wenn man älter wird, bedeutet Freiheit, nicht mehr alles tun zu können was man will, aber es bedeutet immer noch, das zu tun und zu entscheiden was einem wichtig ist.

Alter ist kein Schicksal, dem man sich unterwerfen muss. Es ist ein Zerfall, ein degenerativer Wandel, dem man immer wieder Entscheidungsmöglichkeiten, also Freiheiten, abgewinnen kann.

Dies sollten wir nicht vergessen.




 
 
 

1 Kommentar

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Miryam
11. Jan.
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Wir Boomer altern auch, betrifft mich als Boomerin auch je länger je stärker. Und es stellen sich verschiedene Fragen, des Umgangs mit Freiheit und unstrukturierter Zeit, des Sinns und sinnvollen Tuns, der Abgabe von Verantwortung und der eigenen Bedeutung. Gleichzeitig gehören wir Boomer auch zukünftig zu einer der politisch einflussreichsten Gruppe, nämlich der 60-75 jährigen, welche vermehrt Zeit haben, sich politisch oder freiwillig zu engagieren und auch zahlenmässig respektive abstimmungsmässig einiges zum Kippen bringen können - und dies hoffentlich nicht nur bei Themen, die uns unmittelbar nutzen sondern auch zur Wahrung der Lebensgrundlagen für nachfolgende Generationen.

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