Pensioniert. Eine Anleitung zum Abenteuer
- Lynn Blattmann

- vor 5 Tagen
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Wir Globetrotterinnen, AKW Gegner, und Reggae Fans kommen ins Pensionsalter; also Menschen, die eben noch die Welt besser machen wollten, viele haben mit so grossem Engagement gearbeitet , als gäbe es kein Nachher.
Ich weiss nicht wie es Ihnen ergangen ist, aber ich hatte bis vor kurzem eine ziemlich nebulöse Vorstellung davon wie mein Leben im AHV Alter aussieht. Irgendwie dachte ich immer, Lynn und pensioniert, das passt nicht zusammen und offen gestanden, habe ich innerlich immer daran gezweifelt, dass das auch ich einmal pensioniert werden könnte.
Pensionierte, das waren doch die mit den beigen Wanderjacken, die unter der Woche die Züge verstopften, wenn sie auf dem Weg waren in die Berge. In meinen Augen waren das alles Freizeitspezialisten, ich fand ihr Leben eher uninteressant.
Aber eines Tages war es auch bei mir so weit. Ich hatte keine Zukunft mehr auf dem Arbeitsmarkt, ich musste nicht mehr arbeiten und es fragte auch niemand mehr nach meinen Fähigkeiten.
Ich blieb also auf mich selbst zurückgeworfen und fühlte mich erst einmal wie ein gestrandeter Wal.
Was andere als Freiheit priesen, fühlte sich für mich eher an wie das Ende und ich wusste, dass es keinen Weg zurück gab aufs offene Mehr.
Meine alte Identität als Berufsfrau war weg, ich war nichts mehr und jetzt war ich auch noch pensioniert. Allerdings hatte ich absolut keine Lust auf Wanderungen und Ausflüge oder Reisen.
Offen gestanden, ich war erst einmal traurig, desorientiert, unentschlossen, und oft schlechter Laune.
Leere aushalten
Und wie so oft im Leben, wuchs das Neue heran, ohne dass ich es am Anfang gross bemerkte.
Ich begann mehr Hörbücher zu hören, viel zu lesen, mehr Ausstellungen und Museen zu besuchen und mehr Zeit im Atelier zu verbringen. Dazwischen schrieb ich den einen oder anderen Blogeintrag.
Ich bemerkte, dass ich langsamer wurde, dass ich meinen Kalender nur dünn mit Terminen besiedelte und dass ich lange und intensive Gespräche mit Freundinnen und Freunden umso mehr genoss.
Irgendwann realisierte ich, dass mir eigentlich seltsam wohl war in meinem neuen Leben.
Wenig Stress, viel Selbstbestimmung, genug Zeit für Kreativität, Natur und Reflexion, so mies war das ja gar nicht.
Es ist schon richtig, früher bestanden meine seltenen Abenteuer aus Fallschirmsprüngen oder Atlantiküberquerungen im Segelbot, jetzt gleicht mein Leben eher einer Pedalofahrt.
Aber die Pensionierung fühlt sich dennoch irgendwie abenteuerlich an, denn sie bietet neue Herausforderungen. Sobald man aufhört, sehnsüchtig aufs offene Meer hinauszustarren und dem Vergangenen nachzutrauern, bemerkt man neben sich neues Terrain, das sich zu entdecken lohnt. Dies bringt Anregung, ganz viele Lernmöglichkeiten und so viel Abwechslung wie kaum vorher in meinem Berufsleben. Zugegeben die Gefahren meines heutigen Lebens wirken auf den ersten Blick deutlich kleiner als bei früheren Abenteuern. Aber da ist Krankheit und Tod, die mir plötzlich viel näher sind und die wie Katalysatoren oder Treibstoff für mein neues Leben wirken.
Ich hab nämlich schlicht die Zeit nicht mehr, mich noch länger in den Gefühlen des Verlustes herumzusuhlen und narzistisch gekränkt zu sein über den Wegfall der beruflichen Identität.
Wenn ich nicht jetzt beginne, die Freiheiten meines so faszinierenden neuen Lebens zu entdecken, kann es dafür plötzlich zu spät sein.
Der erste Tag vom Rest Deines Lebens
Wann wenn nicht heute, beginne ich mit dem Zeichnen oder Aquarellieren? Warum versuche ich eigentlich nicht, meine Keramikarbeit so seriös zu betreiben, dass ich einzelne Stücke verkaufen kann?
Ich muss damit keinen grossen Erfolg mehr haben. Wenn ich in meinem Leben hätte berühmt werden sollen, dann habe ich diese Chance doch längst verpasst. Ich muss als Keramikerin nicht mal mehr professionell werden, nur noch gut. So gut, dass meine neue Passion nicht nur mir, sondern vielleicht auch einigen anderen Freude bereiten kann.
Das erleichtert nicht nur, es setzte bei mir neue Energien und ganz viele Ideen frei und eines Tages begann ich zu bemerken, dass mein Leben wieder leicht geworden ist, dass ich andere Luft unter den Flügeln habe, ja dass ich sogar gerne pensioniert bin.
Am vergangenen Wochenende war in der Zeitung zu lesen, dass wir Alten in der Schweiz mittlerweile die Mehrheit sind. Man muss sich schon fragen, was das für ein Potential frei setzt.
Es gibt also mehr Pensionierte als Arbeitende in unserem Land, die meisten von ihnen können jetzt viel selbstbestimmter leben und tun und lassen was ihnen passt.
Wehe, wenn sie Gefallen finden an ihrer neuen Freiheit, wenn sie sich viele neue Freiheiten nehmen, einfach so! Wie schon Karl Marx sagte: Freiheit ist unumkehrbar. Wer sie einmal für sich entdeckt hat, lässt sich nicht mehr unterkriegen.









Freue mich darauf😉
Geniess es :-) Herzlich, Klaudia