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Meine innere Alte

Autorenbild: Lynn Blattmann
Lynn Blattmann
vor 11 Minuten
2 Min. Lesezeit
Manche Freunde kann man nicht auswählen

Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, dann begegne ich meinem Alter. Immer wieder staune ich über Tränensäcke, hängende Haut und Falten und dann frage ich mich, wann ich so geworden bin. Innerlich bin ich irgendwie so um die 50 stehengeblieben.

Das ist eigentlich seltsam. Aber wenn ich ehrlich bin, gab es bei mir schon in jungen Jahren so eine Altersverzerrung. Allerdings ging die nach oben. Ich fühlte mich früh schaurig erwachsen. Und später brauchte ich Jahre um zu entdecken, dass in mir noch ein inneres Kind steckt, eines mit unaufschiebbaren Bedürfnissen, die ich lange ignoriert hatte.

Ja, und jetzt steckt wohl neuerdings eine Alte in mir drin, die mir noch ziemlich unbekannt ist.

Ich kenne sie kaum und sie ist mir auch nicht besonders sympathisch, denn sie ist nicht wie bei vielen anderen. Immer wieder höre ich, dass älter werden auch dazu führt, dass man gelassener wird, abgeklärter, ruhiger. "Darüber rege ich mich heute nicht mehr auf," ist ein Satz, den ich von Gleichaltrigen oft höre.

Das ist völlig unverständlich für mich. Warum soll ich mich denn mit über 65 nicht mehr aufregen? Weil die Welt mir nichts mehr anhaben kann? Weil ich als Alte sowieso nichts mehr verändern kann oder schlicht, weil meine Zeit vorbei ist?

Bis vor kurzem habe ich mich dagegen gewehrt, mich mit meiner inneren Alten anzufreunden, mir schienen ihre Eigenschaften eher unangenehm, langsam beginne ich das zu ändern. Und ich entdecke Vorteile.

Die Alte in mir ist wenig erschütterlich, sie ist stärker, mutiger und in vielen Bereichen deutlich kreativer als mein gewohntes Ich. Neuerdings redet sie mit mir. Sie mag es gar nicht, wenn ich wichtige Dinge aufschiebe. "Wann, wenn nicht jetzt willst Du damit beginnen?" raunzt sie mich an, wenn ich wieder einmal zögere, etwas ganz Neues anzufangen. Sie schaut auch weniger auf die Meinungen anderer. Sie schaut dafür kritisch auf mich. Ich muss zugeben, sie hat etwas leicht Erzieherisches. Vielleicht mochte ich sie deshalb früher nicht besonders. Aber sie hat auch ganz klar etwas Befreiendes. Sie ist herrlich unsentimental. Sie will, dass ich tue was mir gut tun, dass ich das tue, was mir wirklich wichtig ist. Sie zwingt mich dazu, vorwärts zu schauen und sie lacht unbarmherzig über mich, wenn ich einen sentimentalen Blick zurück werfe oder mich über Kleinigkeiten aufrege.

Meine Alte ist auch erstaunlich optimistisch und unternehmerisch, wenn mir wieder einmal alle Gelenke weh tun und ich steif herumlaufe, ordnet sie das blitzschnell ein und ich beginne zu erkennen, dass ich nun als Pensionierte ja ganz viel Zeit habe und dass es darum eigentlich unerheblich ist, ob ich heute noch so rasch und purrlimunter aus dem Bett komme wie früher. Sie findet es auch gut, wenn ich meine alten Knochen öfters im Heilbad wärme und erst danach wieder auf Touren komme. Aber das mit den Touren ist ihr sehr wichtig, sie mag es nicht, nur herumzuliegen und eine Freizeitaktivität an die nächste zu hängen, sie besteht darauf, dass ich meine Zeit mit wichtigen Dingen verbringe.

Mir tut die Alte richtig gut.


 
 
 

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