Die Geschichten in uns
- Lynn Blattmann

- vor 7 Stunden
- 4 Min. Lesezeit

Ich habe vor drei Jahren Wells Buch "Vom Ende der Einsamkeit" hier rezensiert. Ich war begeistert von diesem jungen Autor, und verblüfft, wie es ihm gelang, mich mit dem Leben von Jules und seinen Geschwistern so tief zu berühren. Ich wusste allerdings bislang sehr wenig über ihn, ausser dass er jung mit vielen Auszeichnungen überschüttet wurde und beim renommierten Diogenes Verlag in Zürich publiziert.
Vor zwei Wochen stiess ich beim Stöbern auf sein neustes Buch, ein Sachbuch. Ich gebe zu, ich mag Sachbücher nicht besonders, lese höchstens etwas historische Fachliteratur. Hier stutzte ich jedoch. Der Titel gefiel mir: Die Geschichten in uns, der Plural. Kurz, ich lud mir das Hörbuch dazu herunter und bemerkte erfreut, dass Benedict Wells sein Buch sogar selbst las.
Ich hatte eben Der geschenkte Gaul von Hildegard Knef gehört, das auch von ihr selbst gelesen wurde ihr lakonischer Ton und die vielen ungesagten Dinge hatten bei mir einen langen Nachhall erzeugt.
Es dauerte einen Moment, bis ich mich an Wells Stimme gewöhnt hatte, er las schnell, sein R und seine Sätze rollten in einem furiosen Staccato, hier war kein Abgebrühter am Werk, sondern einer, der seine Gefühle mit fast naturwissenschaftlicher Akribie frei legt und mit Geschichten verwebt.
Dabei geht es nicht nur um Fiktion, sondern im Kern um das Selbsterlebte. Ich will hier nicht spoilern, aber ich habe Kindheitsbeschreibungen schon sehr viel schwülstiger, unausgegorener, und aufdringlicher gehört oder gelesen. Hier war einer an den Tasten, dessen Aufgabe es ist, präzis zu fühlen und einer der weiss, dass es viel Arbeit bedeutet, die eigene Geschichte so zu erzählen, dass die Leserin oder der Zuhörer Raum bekommt für Eigenes und dass das Erzählte gerade dadurch einen Sog entwickeln kann, der einen hineinzieht.
Vieles im Buch handelt vom Handwerk oder der Kunst des Schreibens, es erinnerte mich an Stephen Kings Buch Über das Schreiben, das ich vor einigen Jahren mit Begeisterung gelesen und hier rezensiert hatte, da ich damals an der der dritten Überarbeitung meines ersten Romans war, und viele Selbstzweifel an mir nagten.
Nach Wells Schilderung seiner Herausforderungen auf dem Weg zu seiner ersten Publikation, liess ich etwas den Kopf hängen, offenbar war ich doch recht leicht zu entmutigen, da ich bereits nach wenigen vergeblichen Anläufen, einen Verlag zu finden, mein Manuskript zur Seite gelegt habe und mich seither nie mehr an einem längeren Text versucht habe. (Ausserdem hatte Wells natürlich völlig recht: auch mein Text hätte noch einige Monate oder Jahre an Überarbeitung gebraucht, bis er wirklich hätte veröffentlicht werden können. Aber ich war zu eitel, um dies einzusehen.)
Es geht Wells aber nicht darum, andere Schreibende zu vergrämen, oder ihnen seine besondere Hartnäckigkeit vorzuführen, es geht um alles, was einen guten Text ausmacht und darum, wie viel es braucht bis etwas stimmig ist. Seine ausführlichen Reflexionen darüber, wie ein guter Roman entsteht, ist lustvoll, witzig und macht Spass. Wie Stephen Kings Buch Das Leben und das Schreiben ist auch Wells Buch eine grosszügige Einladung zum Schreiben, eigentlich eine Ermunterung.
Ja, es ist gespickt mit unglaublich vielen Zitaten von verehrten Schriftsteller Kolleginnen und Kollegen, man mag dies eitel finden, es ist aber auch gescheit, unterhaltsam und es macht Lust. Lust, mehr und anderes zu lesen und eigene Geschichten entstehen zu lassen und sie dann wieder und wieder umzuschreiben.
Mir gefällt sein Ansatz des Schreibens, er arbeitet wie ein Maler, der seine Bilder wieder und wieder übermalt und anders komponiert, oder wie ein Historiker, der weiss, dass es nicht nur die eine und einzige Geschichte gibt, er abeitet aber auch redlich und fast pedantisch wie ein Psychoanalytiker oder ein Archäologe, der etwas freilegt, und dann so lange daran feilt, bis sie in den Leserinnen Resonanz erzeugen kann. Die Geschichten in uns, sind der persönliche Sauerteig für Geschichten für andere, unsere Phantasie, unser Handwerk und die gewählte Sprache formen sie so, dass sie über uns hinauswachsen und andere mit einbinden. Romane mit ihren Plots, Erzählweisen und Figuren als Vergesellschaftung von inneren Geschichten, das gefällt mir.
Wells ist längst kein Jungautor mehr, aber er ist immer noch ein Suchender, der experimentiert bis er findet, das gefällt mir an ihm. Und dass er es schafft, mich dazu zu bringen, Geschichten zu lesen, die eigentlich vom Plot her nicht in mein Beuteschema gehören. Jedenfalls habe ich gestern sein Buch Hard Land besorgt, eine Coming of Age Geschichte, die in den USA der 80er Jahre spielt. Ich bin etwa 10 Jahre älter als der Ich-Erzähler Sam in dem Roman, Coming of Age ist nicht gerade das wichtigste oder aktuellste Thema in meinem Leben jetzt und ich mochte die 80er auch nie besonders, dennoch dauerte es nur wenige Seiten, bis ich der Geschichte hoffnungslos verfallen war.
Wells hat es in sich, hat die Geschichten in sich, und er schafft es sie in eine Form zu geben, die mir nahe gehen, er hat uns was zu sagen.









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