• Lynn Blattmann

E siccome sei molto lontano, più forte ti scrivero...

Seit etwas mehr als einem Monat bin ich zuhause, also genau genommen im Atelierhaus meiner Partnerin im Appenzeller Hinterland. Vom Fenster aus sehen wir grüne Hügel und Bäume, die in den letzten Tagen von der scherenschnittartigen Winterform in ein sattes Hellgrün gewechselt haben.

Die Wiesen legen sich täglich neue Blumen zu und die Vögel machen einen Lärm, den ich früher als viel weniger penetrant empfunden habe.

Mit achtundfünfzig Jahren bekomme ich zum ersten Mal den Frühling so richtig mit.

Ich schaue zu, wie die Pfingstrose aus plastikartigen dunkelroten Pfeilen, die aus dem Boden kommen, eindrückliche Blätter macht.

Unser Alltag besteht aus Haushalt, Schreiben, Kochen, Lesen und Schauen.


In der zweiten Woche des Lockdowns habe ich einen Sauerteig angelegt, den ich mehr als zehn Tage lang füttern musste, bis er zufriedenstellende Blasen geworfen hat. Der Sauerteig heisst Theo. Teile von ihm wohnen mittlerweile in den Kühlschränken zweier Nachbarinnen, die mit mir einen Brotbackwettbewerb gestartet haben, die Brotbilder werden wie Selfies über WhatsApp geteilt.


Hin und wieder wird die Ruhe im Haus unterbrochen durch einen Videoanruf, bei dem man in die Privaträume anderer Leute sehen kann. Besprochen werden Sanierungszenarien, finanzielle Überlebensstrategien Liquiditätsplanungen und Mietzinsstundungen.


Dann kehrt wieder Ruhe ein und ich kehre an den Schreibtisch zurück. Der vor Corona angefangene Roman wirkt plötzlich veraltet und irrelevant.

Wenn die Buchstaben stocken, werden Rosen geschnitten, Teakmöbel mit Seife gefegt oder Gartentische geölt.

Es kommen aber keine Freunde.

Es gibt nur meine Partnerin und mich hier. Und Theo.


Es geschieht eigentlich nie etwas und doch habe ich das Gefühl, dass ich in den vergangenen Wochen zum ersten Mal seit langer Zeit wieder richtig im Leben stecke. Ich plane nicht für die nächsten Monate, ich hetze keinen Terminen hinterher, aber ich habe alles, was ich brauche. Nein, die Stadt fehlt mir nicht. Auch nicht das Herumreisen, nicht die Termine, nicht die Arbeit.

Ich habe alles, was ich brauche. Ich bin glücklich.






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