• Lynn Blattmann

Simone de Beauvoir: Altern heisst über sich selbst klar zu werden

Aktualisiert: 20. Feb 2019


Am Radio habe ich gehört, dass Simone de Beauvoir ein dickes Buch über das Alter geschrieben hat. Es erschien bereits 1970, sie war damals 62 Jahre alt. Was mochte die brillante Feministin über das Älterwerden geschrieben haben?

Wer Antworten auf diese Fragen sucht, braucht beim Lesen eine grosse Portion Geduld. De Beauvoir holt weit aus und erklärt zuerst detailliert, wie Alter und Biologie zusammenhängen. Daraus wird deutlich, dass es verschiedene Formen des gesellschaftlichen Umgangs mit dem Alter gibt und daneben biologische Realitäten. Wer jetzt hofft, dass de Beauvoir die in akribischer Detailtreue beschriebenen gesellschaftlichen Missstände zum Ausgangspunkt für eine gleichberechtigte Vision nimmt, muss sich gedulden, denn sie macht danach einen längeren Ausflug in die Ethnologie, wo sie den Umgang mit Alten in verschiedenen Kulturen ebenso detail- und kenntnisreich beleuchtet. Dann folgt ein Kapitel über die historischen Hintergründe und Entwicklungen punkto Alter. Erst im zweiten Teil findet sie wieder in die Gegenwart zurück, schonungslos mit einem leicht anklagenden Unterton. Das ganze Buch ist geprägt von einem besonderen Furor, der jedoch bei der Leserin immer wieder den Eindruck erweckt, dass sie das Eigentliche nicht ansprechen kann oder will. War sie so gekränkt über die damalige gesellschaftliche Situation älterer Frauen, zu denen auch sie gehörte, dass es ihr nicht gelang, ein Plädoyer für ein gutes Alter von Frauen zu formulieren?


Die Existenzialistin behält durch das ganze Buch hindurch ihr unbestechliches Auge und ihren klaren politisch und philosophisch geschulten Geist. Dabei weicht sie schwierigen Themen nicht aus und behandelt auch Fragen wie Sexualität im Alter: "Je reicher und glücklicher das Geschlechtsleben gewesen ist, desto länger hält es im Alter an," heisst es an einer der raren Stellen, wo sie die Situation der Männer nicht von derjenigen der Frauen unterscheidet. Sie führt unzählige Beispiele von Männern an, die auch im Alter noch sexuell erfüllende Beziehungen gelebt haben. Aber zum erotischen Leben älterer Frauen findet sie in der Literatur und in den Quellen nur wenige konkrete Zitate oder Untersuchungen. Medizinisch korrekt stellt sie fest: "In biologischer Hinsicht wird die Sexualität der Frau weniger durch das Alter beeinträchtigt als die des Mannes." Sie kann aber diesen klaren Unterschied empirisch nicht belegen und lässt das Thema dann fallen.


Umso gespannter warte ich auf das Kapitel Schlussfolgerungen, das in meiner Ausgabe auf Seite 706 beginnt. Am Anfang ist wieder ihre Bitterkeit gegenüber dem Alter zu spüren: "Und tatsächlich muss man das Alter mehr noch als den Tod als Gegensatz zum Leben betrachten. Es ist die Parodie des Lebens." Erst einige Seiten weiter hinten blitzt ihre lang vermisste Vision für ein anderes Alter auf: "Wollen wir vermeiden, dass das Alter zu einer spöttischen Parodie unserer früheren Existenz wird, so gibt es nur eine einzige Lösung, nämlich weiterhin Ziele verfolgen, die unserem Leben einen Sinn verleihen: das hingebungsvolle Tätigsein für Einzelne, für Gruppen oder für eine Sache, Sozialarbeit, politische, geistige oder schöpferische Arbeit. Im Gegensatz zu den Moralisten muss man sich wünschen, auch im hohen Alter noch starke Leidenschaften zu haben, die es uns ersparen, dass wir uns nur mit uns selbst beschäftigen."


Auf der letzten Seite des Buches fasst sie ihre Vision nochmals zusammen. Seltsamerweise fehlt darin jede Genderperspektive, die sonst fast das ganze Buch prägt:

In der idealen Gesellschaft, die ich hier beschworen habe, würde, so kann man hoffen, das Alter gewissermassen gar nicht existieren: Der Mensch würde, wie es bei manchen Privilegierten vorkommt, durch Alterserscheinungen unauffällig geschwächt, aber nicht offenkundig vermindert und eines Tages einer Krankheit erliegen, er stürbe also ohne zuvor Herabwürdigung erfahren zu haben. Das letzte Lebensalter entspräche dann wirklich dem, als was es gewisse bürgerliche Ideologien definieren: Eine Existenzphase, die sich von der Jugend und dem Erwachsenenalter unterscheidet, aber ihr eigenes Gleichgewicht besitzt und dem Menschen eine weite Skala von Möglichkeiten offen lässt.

Die Frauen hat sie da sicher mitgemeint.




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